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Kolumne: Short-Squeeze oder mehr?

Nun ist sie gekommen, die zuletzt an dieser Stelle avisierte Rallye. Jede
kräftige Aufwärtsbewegung beginnt mit einer ordentlichen Short-Squeeze. Im
aktuellen Fall allerdings bedurfte es hierzu institutioneller Hilfe: Die SEC
aktivierte eine Regel, die das Eingehen ungedeckter Short-Spekulationen bei
einer Reihe von Aktien aus dem Finanzbereich verbietet. Das führte
schließlich zu einer Eindeckung, woraufhin diese Aktien von den Toten
auferstanden und die Rallye anstießen.

Bemerkenswert war dabei die relative Schwäche von Technologieaktien.
Erst seit Wochenmitte scheint sich hier etwas zu tun. Üblicherweise sind
Aufwärtsbewegungen ohne Führerschaft der Nasdaq-Indices recht brüchig.
Dieser Schönheitsfehler könnte jetzt ausgebügelt werden.

Unterlegt wird die Rallye aus Intermarket-Sicht durch einen deutlichen
Abverkauf von TBonds
, was die Zinsen steigen lässt – und das nicht nur
am langen Ende, sondern auch z.B. bei den 13-Wochen-TBills. Diese
werden gerne als Kapital-Parkplatz benutzt. Sie rentierten zuletzt im Tief
bei 1,35 Prozent und haben sich auf zeitweilig über 1,55 Prozent
aufgeschwungen, was bedeutet, dass Kapital vom Parkplatz geholt wurde. Dass
es nicht im Sparstrumpf verschwand, zeigt sich an der Aktienkursentwicklung
unter deutlich anziehendem Volumen.

Hedge-Fonds drehten ihre zuletzt gewohnte Ausrichtung auf steigende
Rohstoffe und Rohstoff-Aktien kombiniert mit Short-Spekulation in
Finanztiteln gerade herum. Der Ölpreis purzelt und stützt die Hoffnungen auf
eine wirtschaftliche Wiederbelebung, was wiederum bei vielen den Appetit auf
Aktien steigert.

Gleichzeitig kann sich der Dollar gegen Euro befestigen. Die Marke
von 1,60 wurde in dieser Woche erneut unter massiver publizistischer
Schützenhilfe verteidigt. So sagte Plosser, Philly-Fed und im FOMC
stimmberechtigt, die Geldpolitik sei bislang sehr nachgiebig. Das müsse sich
ändern, die Zinsen müssten bald wieder steigen. Auch Finanzminister Paulson
(ehemals Goldman Sachs) bekräftigt seine Unterstützung für einen starken
Dollar. Dauer-Optimist John Lipsky, IWF, schlug in dieselbe Kerbe, der Euro
sei überbewertet und der Rutsch des Dollar in den vergangenen Jahren habe
ihn näher an einen mittelfristigen Gleichgewichtspunkt gebracht. Die
Hauptfaktoren bei der Bildung globaler Ungleichgewichte seien jedoch
weiterhin Chinas Geld- und Währungspolitik, sowie die hohen Ölpreise.
Gegenwärtig trage die Eurozone die Hauptlast der Anpassungen.

Die Quartalszahlen zeichnen in der laufenden Berichtssaison ein sehr
gemischtes Bild.
Teilweise kamen sie (v.a. in der Finanzbranche) besser
herein als befürchtet. Aus dem Technologiebereich überwogen hingegen die
Enttäuschungen v.a. hinsichtlich der gegebenen Ausblicke. Hier spiegeln sich
die flauen Konjunkturaussichten wider. Insgesamt rechnet man damit, dass die
Gewinn um 15 Prozent gegenüber dem Vergleichsmonat des Vorjahres sinken. Das
wäre dann das vierte Quartal in Folge mit abnehmenden Erträgen.

Gemessen am Sentiment ist keine überzogen bullische Attitüde
festzustellen, was eher bullisch zu werten ist. Die Auswertung der
Volumenverteilung ist zu Wochenbeginn in Akkumulation gekippt. Schon
in der zweiten Juni-Häfte, war die Distribution in fallende Kurse hinein
kurz von Akkumulation abgelöst worden. Als sich aber zeigte, dass noch kein
tragfähiger Boden existierte, begann die „Material-Verteilung“ erneut und
zog den S&P 500 weitere 70 Punkte nach unten. (Entsprechende Charts sind
über diesen Artikel auf der Web-Seite der TimePattern einsehbar).

Jetzt deutet vieles darauf hin, dass ein Zwischenboden eingezogen worden
ist. Ganz aktuell allerdings dürften die Zeichen eher auf Konsolidierung
stehen. Die Nagelprobe hier wird dabei sein, ob der Nasdaq
relative Stärke
aufbauen kann.

Schaut man sich die Quartalszahlen der Finanzinstitute genauer an, so
sieht das Bild nicht mehr so sehr nach Entspannung aus wie auf den ersten
Anschein. Nouriel Roubini macht einen Mix aus kreativer Bilanzierung, von
den Regulierungsbehörden gestütztes Aussitzen/Vortragen der Verluste bis hin
zu Gewinnmanipulation aus.

Nach wie vor liegt der Schlüssel der Finanzkrise bei der Entwicklung der
Hauspreise
. Wenn diese um insgesamt 30 Prozent nominal (bis jetzt rund
minus 15 Prozent), bzw. 40 Prozent real nachgeben, dürften Kreditverluste
durch Pleiten usw. auf ca. 1 Bill. Dollar kommen, rechnet Roubini aus. Das
macht etwa 75 Prozent des Eigenkapitals der US-Finanzinstitute aus. Zudem
müssten dann bis zu 50 Prozent der von Fannie Mae and Freddie Mac
besicherten Hypotheken nationalisiert werden. Das wären in absoluten Zahlen
rund 2,5 Bill. Dollar. Zuletzt war an dieser Stelle Bezug genommen worden
auf eine Schätzung von S&P, wonach das staatliche Heraushauen von beiden
zwischen 420 Mrd. bis 1,1 Bill. Dollar kostet – den Steuerzahler.

Die Schätzungen gehen auseinander, wie viele Finanzinstitutionen im Gefolge
der Finanzkrise noch pleite gehen. Einige sprechen von 300 vorwiegend
kleineren, regionalen Banken, wenn es zu einer Rezession wie in den 1980er
Jahren oder der Anfang 1990 kommt. Die Einlagensicherung FDIC führt eine
Liste mit gegenwärtig 90 Institutionen.

Der FDIC hält gemäß gesetzlichen Vorgaben einen Fonds in der Größe von 1,25
Prozent der versicherten Einlagen, das sind absolut 53 Mrd. Dollar, die in
US-Staatsanleihen angelegt sind. Der Bankrott von IndyMac alleine führt
schon zu einem Mittelabfluss von 4 bis 8 Mrd. Dollar, wodurch sich das
Reserve-Verhältnis auf knapp über ein Prozent reduziert. Man geht davon aus,
dass die Prämien im September auf 10 bis 15 Cent je 100 Dollar Einlage
steigen, gegenwärtig sind 5 bis 7 Cent fällig. In der „Savings and
Loan“-Krise der 1980er Jahre waren sie bis auf 23 Cent gestiegen. Eine
Untersuchung des FDIC selbst legt nahe, dass Risiko einer Insolvenz des
Einlagensicherungsfonds deutlich gestiegen
ist.

Der Rettungsplan von Fannie und Freddie dürfte jetzt alle politischen Hürden
reibungslos passieren. Das zuständige Kongress-Büro schätzt, dass auf den
Steuerzahler in den Etats 2009 und 2010 jeweils 25 Mrd. Dollar zukommen,
warnt aber gleichzeitig vor dem Risiko deutlich höherer Belastungen. Durch
die Federal Housing Administration sind 300 Mrd. Dollar an Hypotheken
besichert. Hier wird für die Jahre 2008 bis 2013 mit weiteren jeweils 2,7
Mrd. Dollar an Ausfallkosten gerechnet.

Die Gerüchte über eine Pleite von GM und Ford reißen nicht ab. Das
ist zunächst nichts weiter als ein Beleg für die schlechte Stimmung bei den
Aktionären. Schaut man beim VIX, dem Angst-Index, genauer hin, so lassen
sich in seiner Korrelation zum S&P 500 Index Anzeichen einer Entwicklung zu
einer „wall of worry“ ausmachen. „Anzeichen“ – mehr erst einmal nicht, aber
auch das stützt gegenwärtig eine bullische Attitüde. (Wobei angesichts der
weiter bestehenden gravierenden Risiken besser von „ditch of ignorance“
gesprochen werden sollte.)

Wie geht es mit anderen Basiswerten weiter? Die Prognosen der
TimePatternAnalysis sehen übergeordnet weiteres Abwärtspotenzial bei
Edelmetallen
. Bei Gold z.B. liegt ein Test des Bereichs bei 870 in der
Luft. Beim Öl dürfte das zuletzt markierte Topp bei rund 145 für längere
Zeit Bestand haben, auch wenn mit einem Rebound in diese Richtung gerechnet
werden muss. TBonds dürften übergeordnet weiter unter Verkaufsdruck
stehen, nachdem bei der 30-jährigen Rendite zuletzt die langfristig
bedeutende Marke von 4,65 Prozent überwunden werden konnte. Das Währungspaar
Dollar/Yen hat noch Aufwärtspotenzial über die kritische Zone oberhalb
von 108 hinaus
. Bei Euro/Yen ist die Luft hingegen weitgehend raus. Das
stützt die Perspektive für Euro/Dollar: Hier steht zunächst die Zone bei
1,54/1,55 zum Test an
. Gegenwärtig ist davon auszugehen, dass das Niveau
bei 1,60 auch längerfristig als Deckel Bestand hat.

Marktstatus, Markttrends und Prognosen unter www.TimePatternAnalysis.de

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